Abteilung ProSE: "Pisa war gestern. Lehrerfortbildung JETZT!""

Seit mehr als 27 Jahren engagiert sich das Mercator Berufskolleg Moers in zahlreichen multilateralen Projekten mit Schulen anderer Nationen der EU, um die eigene Schulentwicklung nachhaltig zu unterstützen.
Abteilung ProSE: "Pisa war gestern. Lehrerfortbildung JETZT!""

ERASMUS+ Lehrerfortbildung Finnland 2019

Von Alexandra Cleve, Katrin Dorlöchter, Anika Engelbrecht und Ramona Poley

 

Im Rahmen des Erasmus Plus-Projektes machten sich am Samstag, den 07.12.2019 die Kolleginnen Poley, Cleve, Dorlöchter und Engelbrecht auf den Weg nach Oulu in Finnland, um an der viertägigen Lehrerfortbildung „Visible Teaching 4 Performance“ teilzunehmen. Ziel dieses dreijährigen Projektes ist die Untersuchung von Einflussgrößen, die den Lernprozess unserer Schülerinnen und Schüler positiv beeinflussen, um auch unser Bildungssystem nachhaltig zu verbessern. Als Grundlage dient dabei unter anderem die Meta-Studie von John Hattie.

 

Auf den Flügen von Düsseldorf über Helsinki nach Oulu hatten wir genügend Zeit, um uns mental auf die niedrigen Temperaturen in Finnland vorzubereiten. Nach einer problemlosen Anreise und dem Bezug der Hotelzimmer erkundeten wir abends die Stadt von Oulu und stärkten uns in einer Pizzeria.

 

Am Sonntag freuten wir uns auf ein Wiedersehen mit unseren Partnern aus Bulgarien, Finnland, Frankreich, Griechenland, Italien, Portugal, Polen und der Türkei. Gemeinsam starteten wir um 10 Uhr eine geführte Bus-Tour, um die Insel Hailuoto zu erkunden, auf der gerade einmal ca. 980 Menschen leben. Die Insel ist bekannt für ihr Naturschauspiel und ist entweder per Fähre oder im tiefen Winter über eine zugefrorene Eisstraße mit dem Auto zu erreichen. Wir lernten viel über die Lebensweise der Inseleinwohner kennen und stärkten uns zu Mittag mit einem traditionellen finnischen Gericht: einer Lachssuppe mit Kartoffeln. Nachdem wir am Nachmittag noch die Kirche der Insel besichtigen und uns mit dem Pfarrer austauschen konnten, nahmen wir wieder die Fähre in Richtung Festland zurück, um uns abends beim gemeinsamen Abendessen mit allen Partnernationen auszutauschen.

 

Am Montagmorgen sind wir nach einem guten Frühstück ca. 25 Minuten im Schnee zur Schule gelaufen, wo wir vom Schuldirekter Herrn Koivulua und der zuständigen Bildungsdirektorin Frau Karvonen herzlich begrüßt wurden. Finnische Kindergartenkinder sangen Weihnachtslieder für uns und wurden unter anderem mit deutschen Süßigkeiten belohnt.

 

Projektleiterin Hanna Skowronska eröffnete nun fachlich die Veranstaltung und teilte den aktuellen Projektstand mit. Im ersten Workshop des Tages stellten Frau Poley und Frau Cleve noch einmal die wichtigsten Merkmale und Ergebnisse der Meta-Studie des Erziehungswissenschaftlers John Hattie vor. Die Hattie-Studie „Visible Learning“ basiert auf einer jahrzehntelangen Datensammlung und untersucht dabei die sichtbaren Einflussfaktoren für ein erfolgreiches Lernen. Im Rahmen einer Think-Pair-Share-Arbeitsphase tauschten sich alle Projektteilnehmer/innen über die starken und schwachen Einflussfaktoren für einen guten und nachhaltigen Lernprozess aus und stellten diese vor. Beispielsweise gehören unter anderem das Gruppen-Puzzle, die Selbsteinschätzung des eigenen Leistungsniveaus, Feedback sowie eine gute Lehrer-Schüler-Beziehung zu den starken Einflussfaktoren für einen guten Unterricht, während die Dauer der Sommerferien und eine leistungshomogene Klassenbildung zu den schwachen Einflussfaktoren gehören.

 

Nach einem leckerem Mittagessen in der schuleigenen Mensa ging es am Nachmittag in einem weiteren Workshop unter Leitung von Frau Kuorikoski und Frau Mikkola um die Selbstevaluation in der Institution Louvi, in der Schüler/innen mit besonderen Bedürfnissen ausgebildet werden. In Form von Fragebögen beantworten Lehrer/innen als auch Schüler/innen einen Fragebogen, um den Unterricht und die gesamte Arbeit zu evaluieren und bestmögliche Ergebnisse für die Schüler/innen zu erzielen.

Gegen 16 Uhr endete der erste Projekttag und wir nutzten den frühen Feierabend zur Besichtigung weiterer Städtehighlights von Oulu, bis es am Abend zum gemeinsamen Abendessen ging.

 

Der Dienstag ist sicherlich der kälteste Tag während unseres Aufenthalts in Oulu gewesen. Nach dem guten und gesunden Frühstück im Hotel haben wir uns gegen 8.15Uhr bei minus 6 Grad Celsius und andauerndem Schneefall auf den 1,8km langen Fußweg zur Schule gemacht.

Hanna Skowronska hat den Arbeitstag pünktlich um 9.00Uhr eröffnet und uns kurz den Tagesablauf vorgestellt. Der Vormittag stand ganz im Zeichen des Erfahrens von good practice Beispielen. Die finnische Lehrerin Kaisa Posti hat uns zunächst die Institution Luovi sowie deren Standort in Oulu vorgestellt. Luovi ist in Finnland der größte Anbieter im Bereich der beruflichen Bildung für Schüler*innen mit besonderem Förderbedarf. Alle Schüler*innen, die eine der Luovi Schulen besuchen, haben gesundheitliche, sozial-emotionale Schwierigkeiten oder Lernschwächen. Es gibt 20 Standorte, der Hauptsitz ist in Oulu. Es werden landesweit 1700 Schüler*innen im Bereich der beruflichen Bildung unterrichtet. 750 Personen arbeiten für Luovi (Lehrer*innen, Sozialarbeiter*innen, Verwaltungsangestellte, etc.). Kaisa Posti hat uns sowohl die Leitsätze der Schule („den Schüler*innen Wege zur Anstellung und zu einem guten Leben ermöglichen“), als auch die Leitwerte „Kreativität, Innovation, Kompetenz, Fürsorge und Freude“ vorgestellt. Luovi bietet in sechs verschiedenen Bereichen berufliche Bildung an (u.a. im Bereich Wirtschaft und Verwaltung).

Im Anschluss an Kaisa Postis Präsentation haben wir die Möglichkeit bekommen, die Schule ganz praktisch kennenzulernen. Dafür ist die Gesamtgruppe in drei internationale Kleingruppen aufgeteilt worden, in denen wir rotierend drei verschiedene Bereiche der Schule kennengelernt haben. Im Bereich Wirtschaft und Verwaltung haben wir Schüler*innen im Klassenraum besucht. Ein finnischer Schüler hat zunächst ein Referat über die Struktur des Unterrichts gehalten. Wir haben erfahren, dass in einer Klasse maximal 16 Schüler*innen sind, welche von zwei Klassenlehrern unterrichtet werden, d.h. jeder Klassenlehrer betreut max. 8 Schüler*innen. Zusätzlich steht jedem Klassenlehrer eine Unterstützungskraft im Klassenraum zur Verfügung. Des Weiteren gibt es eine enge Zusammenarbeit zwischen den Lehrern, den Sozialarbeitern und Beratungskräften der Schule. Von den maximal 16 Schüler*innen sind praktisch nie alle zeitgleich im Klassenraum, da ein Teil der beruflichen Ausbildung in Betrieben stattfindet. Zusammen mit den Klassenlehrern und weiteren Betreuern wird für und mit jedem Schüler*in festgelegt, wie viele Tage und Stunden in der Woche dieser im Betrieb arbeiten geht und wie der Unterricht in der Schule gestaltet werden soll. Diese Planung erfolgt für jeden Schüler*in sehr individuell und ist sehr flexibel. So gibt es Schüler*innen, die zeitweise nur einmal in der Woche in der Schule anwesend sind, während andere vielleicht sogar jeden Tag zur Schule gehen. Entsprechend kann es auch sein, dass ein Schüler sich im Unterricht gerade mit Marketingstrategien auseinandersetzt, während der Schüler neben ihm Rabatte ausrechnet. Die Schüler*innen werden bei der Arbeitsplatzsuche durch Luovi unterstützt und am Arbeitsplatz auch durch Luovi betreut. Zur Leistungsüberprüfung und zum Erreichen des Bildungsziels werden auch praktische Prüfungen in den Betrieben eingefordert, z. B. „ein Kundengespräch führen“. Wenn sich Schüler*innen in den Betrieben nicht sicher genug fühlen, bietet Luovi am Standort in Oulu auch die Möglichkeit einer Ausbildung im schuleigenen Geschäft, in dem durch andere Schüler erstellte Produkte angeboten werden. Die Schüler*innen im Bereich Wirtschaft und Verwaltung haben uns bereitwillig Auskunft zu ihrem Schul- und Arbeitsalltag gegeben und wieder einmal haben sich die guten Fremdsprachenkenntnisse der Finnen gezeigt.

Als zweite Station haben wir vier junge Studierende und ihre Lehrerin besucht. Die Studierenden absolvieren bei Luovi eine Aus- und Weiterbildung im Bereich Erziehung und Soziales. Lebenslange Bildung hat in Finnland einen hohen Stellenwert. Die Studierenden waren bereits etwas älter, kamen größtenteils aus anderen Ländern (Peru, Uruguay, etc.) und sind aus unterschiedlichsten Gründen nach Finnland gekommen. Die Aus- und Weiterbildung bei Luovi ermöglicht den Studierenden später einen Beruf als Unterstützungskraft im Klassenraum oder Betreuer*in der Schüler*innen. Um einen Einblick in ihren Arbeitsalltag zu bekommen, haben die Studierenden für uns eine Aktivität vorbereitet. So mussten wir aus einem weißen Blatt Papier eine Schneeflocke gestalten, in dessen Mitte wir unsere positiven Eigenschaften notieren sollten. Zusätzlich sollten die Vertreter*innen einer jeder Nation aufschreiben, was sie an ihrem Land besonders schätzen.

Bei der dritten Station haben wir wieder Schüler*innen im Klassenraum beucht. Die Schüler*innen dieser Klasse absolvieren eine Art Berufsgrundschuljahr, währenddessen sie hauptsächlich an einem städtischen Betriebshof arbeiten, aber auch zusätzliche Module im Klassenraum absolvieren müssen. In diesem Bildungsgang haben die Schüler*innen bis zu fünfmal die Möglichkeit für eine Probewoche in einen anderen Bereich ihrer Wahl reinzuschnuppern, um so eine Entscheidung für die spätere Berufswahl treffen zu können. Auch in diesem Bildungsgang sind nicht immer alle Schüler zeitgleich anwesend und auch die Dauer des Bildungsgangs kann variieren. Wenn jemand die erforderlichen Creditpoints bereits nach einem halben Jahr erworben hat, kann er auch dann in einen anderen Bildungsgang wechseln. Dem Klassenlehrer steht zur Unterrichtvorbereitung ein Computerprogramm zur Verfügung, in dem er die Schüler*innen individuell fördern und fordern kann. So kann er dort zum Beispiel für das Fach Englisch festlegen, welche Inhalte mit welchem Schwierigkeitsgrad von welchem Schüler bearbeitet werden sollen und das Programm generiert automatisch Aufgaben. Jeder Schüler der Luovi besucht (also nicht nur Schüler dieses Bildungsgangs), hat die Möglichkeit sein eigenes Endgerät (Laptop, Tablet, etc.) mitzubringen. Die Klassenräume sind entsprechend ausgelegt (Steckdosen, Wlan, etc.).

Nachdem alle Gruppen alle Stationen durchlaufen haben, haben wir Gesehenes gemeinsam reflektiert und offene Fragen geklärt. Dabei standen uns noch zwei finnische Schüler*innen zur Seite, die uns zunächst etwas über ihren Werdegang erzählt und dann Fragen beantwortet haben. Der finnische Schüler Daniel hat zum Beispiel berichtet, dass er erst durch verschiedene Probewochen seine Entscheidung für den Bereich Wirtschaft und Verwaltung getroffen hat. Auch wurde uns aus Schülersicht berichtet, wie Luovi sie bei der Arbeitsplatzsuche unterstützt, wie ein „normaler“ Schultag aussieht und welche Unterstützung sie zusätzlich bekommen.

Alles in allem war dies ein sehr informativer und beeindruckender Vormittag, in dem wir einen guten Eindruck in die Arbeitsweise und Philosophie der Schule erhalten haben. Es wurde sehr deutlich, dass der Schüler im Mittelpunkt steht.

Das Mittagessen nahmen wir wieder gemeinsam in der Schulmensa ein. Es gab eine große Auswahl an Gerichten und wie selbstverständlich bietet die Mensa auch immer mindestens eine vegane/vegetarische sowie glutenfreie Alternative an.

Im Nachmittagsbereich hat uns die französische Delegation ihre Ergebnisse des Treffens mit John Hattie vom 12. November in London vorgestellt. Ähnlich wie Hattie es bei der Konferenz in London auch gehandhabt hat, wurden wir gebeten anhand von Umfrageergebnisse eine englische Schule im Hinblick auf ihre Feedbackkultur zu bewerten. Auch dies war eine hilfreiche Übung und gab Anregungen zum Nachdenken über die eigene Feedbackkultur.

Nach Beendigung des eigentlichen Arbeitstags stand für die Koordinatoren (dies ist für Deutschland Frau Ramona Poley) das Koordinatorentreffen an, indem Weichen für weitere EU-Projektarbeit gestellt wurden.

Die anderen Teilnehmer*innen erhielten eine geführte Tour zum Wohnheim der Schule (ca. 1,5km von der Schule entfernt). Da viele Schüler*innen der Schule von weiter weg kommen, beispielsweise aus Lappland, haben sie die Möglichkeit unter der Woche im Wohnheim der Schule zu leben. Am Wochenende hat das Wohnheim allerdings geschlossen und die Schüler*innen müssen/dürfen zu ihren Familien zurückkehren. Im Wohnheim wohnen die Schüler*innen in Zweibettzimmern, welche sie selber pflegen und sauber halten müssen. Wenn notwendig, werden die Schüler*innen von acht Sozialarbeitern*innen unterstützt. Diese geben Hilfestellung beim Ordnung halten, einkaufen, Wäsche waschen sowie bei der Freizeitgestaltung. Den Schüler*innen steht ein Billiardzimmer, ein Fernsehzimmer, ein Fitnessstudio sowie eine toll ausgestattete Sporthalle zur Verfügung. Des Weiteren werden gemeinsame Kochabende, Spieleabende und Ausflüge geplant und durchgeführt. Auch beim Besuch des Wohnheims hatten wir gute Gelegenheit mit den Sozialarbeiter*innen ins Gespräch zu kommen.

Im Anschluss an den Wohnheimbesuch sind wir bei mittlerweile minus 14 Grad zurück zur Schule gelaufen, denn am Abend sollten Schüler*innen vom Fachbereich „Ernährung & Kochen“ von Luovi ein Weihnachtsmenü für uns vorbereiten. Das Essen war fantastisch, die Schüler*innen haben sich größte Mühe bei der Auswahl der Speisen, bei der Zubereitung und im Service gegeben. Es gab verschiedene Salate zur Vorspeise, Lachs und oder Rentier mit Ofengemüse und einer Art Kartoffelgratin zum Hauptgericht und ein Parfait mit Moltebeere, sowie kleine Petitfours und Blaubeerkuchen als Dessert. Die Schüler*innen haben ganz tolle Arbeit geleistet und uns einen Abend beschert, der sicherlich in guter Erinnerung bleibt. Auch die finnischen Kollegen waren sichtlich stolz auf ihre Schüler*innen. Zum Abschluss des Abends besuchte uns noch Santa Claus, eine gelungene Überraschung, und jeder bekam als Geschenk selbstgemachten Senf.

 

Am Mittwoch, unserem letzten gemeinsamen Arbeitstag, hat uns das griechische Team das Konzept „Teacher Empowerment“ vorgestellt. Teacher Empowerment ist ein Konzept, durch das Lehrer*innen befähigt werden an der Festlegung von Schulzielen und -richtlinien mitzuwirken, um so ihre Professionalität besser ausüben zu können. Dabei soll ein Paradigmenwechsel vom Einzelkämpfer hin zum Teamwork stattfinden. Denn nur wenn Lehrer*innen zusammenarbeiten, können sie im System Schule Veränderungen herbeirufen.

Um sich genauer mit dem Teacher Empowerment auseinanderzusetzen, ist vom polnischen Team eine national übergreifende Gruppenarbeit vorbereitet worden. Hierbei ist das bisherige Programm des VT4P unter dem Aspekt Empowerment analysiert worden. Dabei ist festgestellt worden, dass viele der bereits erarbeiteten Ergebnisse maßgeblich zu mehr Teacher Empowerment beitragen.

Nach einem traditionell finnischen Christmas Lunch in der Schulcafeteria hat jedes Land seine „Hausaufgaben“ vorgestellt und kurz präsentiert, wie Schüler*innen die Feedbackkultur in ihren jeweiligen Schulen wahrnehmen.

Abschließend hat eine Selbstevaluation der letzten drei Arbeitstage stattgefunden.

Zum Abschluss des Teacher-Trainings haben sich alle Teilnehmer zum gemeinsamen Abendessen getroffen und die vergangenen Tage bei Burgern und finnischem Bier Revue passieren lassen.

 

Am Donnerstag haben wir am späten Vormittag unsere Heimreise angetreten, die dann am Abend in Düsseldorf vor einem leeren Gepäckband geendet ist (Flugverspätung sei Dank…). Mittlerweile haben aber auch unsere Koffer ihre Finnlandreise beendet J

Nicht nur wegen der verschollenen Koffer und der eisigen Temperaturen wird uns der Oulu-Aufenthalt noch lange in Erinnerung bleiben. Wir hoffen durch viele Inspirationen und Gedankenanstöße einige Dinge in unserer Schule nachhaltig verändern zu können.

 

 

 

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