Workshop „Geldpolitik im Euroraum“ am 02.05.2017

Aus einem üblichen Berufsschultag am Dienstag wurde für die beiden Klassen der Industriekaufleute IN 41 und IN 42 am 02.05.2017 ein spannender und abwechslungsreicher Einblick in das finanzwirtschaftliche Geschehen in Europa.

Als Vorbereitung auf die Abschlussprüfung im Fach „Wirtschafts- und Sozialprozesse“ fand an diesem Tag noch einmal eine intensive Wiederholung des Lernstoffs statt. Das Besondere an dem Tag war jedoch, dass diese Wiederholung nicht nur aus Arbeitsblättern und Texten bestand, sondern von einem Mitarbeiter der Deutschen Bundesbank in Form eines Workshops durchgeführt wurde.

Der Workshop mit dem Titel „Geldpolitik im Euroraum“ wurde von Herrn Ralf Zimmermann geleitet und behandelte die Möglichkeiten der Zentralbanken durch geldpolitische Maßnahmen die angestrebte Preisstabilität zu gewährleisten.

Was sich für viele erst einmal ganz abstrakt und kompliziert anhört, wurde jedoch von Herrn Zimmermann in sechs Themenabschnitten anschaulich dargestellt und verständlich erklärt.

Der Workshop begann mit einer allgemeinen Erläuterung zum geldpolitischen System in Europa. Wichtig hierbei ist zu wissen, dass mit der Gründung der Europäischen Zentralbank (EZB) alle europäischen Nationalbanken ihre Kompetenzen an die EZB übertragen haben und somit nun den Entscheidungen der EZB Folge zu leisten haben. Den Verbund aus Europäischer Zentralbank und den nationalen Notenbanken nennt man übrigens „EUROSYSTEM“.

Nachdem nun also geklärt war, wie die Struktur und Mechanismen des Eurosystems funktionieren, erklärte uns Herr Zimmermann, welche Ziele die EZB eigentlich verfolgt sowie die geldpolitische Strategie, die die EZB bei allen Entscheidungen zugrunde legt. Das wichtigste Ziel der EZB ist die Sicherstellung der Preisstabilität. Die EZB will also vereinfacht gesagt dafür sorgen, dass die Kaufkraft der europäischen Bürger weder drastisch sinkt (bei Inflation) noch drastisch steigt (bei Deflation), da beide Szenarien negative Effekte auf die Wirtschaft haben.

Der Indikator für die Preisstabilität in Europa ist der sogenannte „Harmonisierte Verbraucherpreisindex“ (HVPI). Hierin werden die Preise für die wichtigsten Güter die in der Eurozone nachgefragt werden gesammelt und laufend die Preise für diese Güter ermittelt. Steigen die Preise für Güter in diesem Warenkorb an, steigt auch der HVPI. Solange der Anstieg des HVPI jedoch zwischen 1,7% und 1,9% gegenüber dem Vorjahresmonat beträgt sieht die EZB die gewünschte Preisstabilität als erreicht an.

Der nächste Aspekt des Workshops war die sogenannte „Zwei-Säulen-Strategie“. Hinter diesem Begriff verbergen sich die beiden Themenbereiche die die EZB laufend untersucht um die Grundlage für ihre Entscheidungen zu treffen. Die EZB prüft nämlich einmal die wirtschaftliche Entwicklung um kurzfristige Gefahren für die Preisstabilität ermitteln zu können, sowie die monetäre Entwicklung um langfristige Gefahren für die Preisstabilität erkennen zu können.

Der wohl komplexeste Teil des Workshops waren die verschiedenen Aktionsmöglichkeiten die die EZB besitzt um ihr Ziel der Preisstabilität erreichen zu können.

Der EZB stehen dabei im Rahmen der Geldpolitik mehrere Instrumente zur Verfügung. Da die EZB als Kapitalquelle für alle Geschäftsbanken dient, kann sie durch die Bestimmung der Geldmenge, die sie in Form von Krediten an die Geschäftsbanken vergibt, bestimmen, wie viel Geld sich auf dem Finanzmarkt bewegt. Das wohl wichtigste Werkzeug dabei ist das sogenannte „Hauptrefinanzierungsgeschäft“. Hier leihen sich die Geschäftsbanken bei der EZB Geld um dieses dann an Unternehmen und private Haushalte weiterzugeben. Und so wie die Geschäftsbanken dafür Zinsen von uns verlangen, verlangt auch die EZB einen Zins von den Geschäftsbanken. Dieser Zins wird auch „Leitzins“ genannt und dient als Maßstab für die Zinsen die Geschäftsbanken von ihren Kunden verlangen. Ist der Leitzins also niedrig können sich Geschäftsbanken günstig Geld bei der EZB leihen und ihrerseits Kredite mit günstigen Zinsen an Unternehmen und private Haushalte vergeben. Aufgrund der niedrigen Zinsen wird die Nachfrage nach Krediten steigen und die Wirtschaft angekurbelt.

Genauso kann die EZB aber auch den Leitzins erhöhen und dadurch bewirken, dass die Nachfrage nach Krediten im Euroraum sinkt.

Die nachstehende Grafik veranschaulicht in einfachen Zügen das Zusammenspiel der einzelnen Akteure. Es lässt sich gut erkennen, wie die EZB in der Lage ist durch ihre Leitzinsänderungen die Geldmenge im Euroraum zu steuern.

Neben dieser Methode gibt es noch einige andere Methoden die es der EZB erlauben das Ziel der Preisstabilität zu erreichen, wie z.B. sogenannte „Ständige Fazilitäten“, „Mindestreserve“, „Feinsteuerungsoperationen“ und „Strukturelle Operationen“.

Zum Schluss unseres Workshops wurde unser erlangtes Wissen noch einmal auf die Probe gestellt. In einer Gruppenarbeit gab es für jede Gruppe eine Beschreibung einer wirtschaftlichen Situation im Euroraum aus der Vergangenheit.

Unsere Aufgabe bestand nun darin unser Wissen anzuwenden und zu entscheiden, welche Möglichkeiten die der EZB zur Verfügung stehen nun am besten genutzt werden sollten um das Ziel der Preisstabilität zu erreichen- eine spannende und interessante Aufgabe.

Nachdem die Ergebnisse besprochen und etwaige Fragen geklärt wurden, war ein sehr kurzlebiger Workshop zu einem interessanten aber auch komplexen Thema vorbei.

 

Wir bedanken uns recht herzlich bei Herrn Zimmermann für die angenehme Zeit und fühlen uns jetzt gut auf die Prüfung vorbereitet sowie bei Frau Poley für die Organisation des Expertenvortrags.

Julian Bröker, IN 41

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